Martenstein über "Scheisskerle" in der ZEIT (KW 44/11)

"Dieses Wort. Es gilt jetzt als mutig, originell, provokativ"

Kolumnist Harald Martenstein über unflätige Buchtitel

Seit Jahren besuche ich die Frankfurter Buchmesse. Es ist immer das Gleiche, wie Weihnachten. Die Stände stehen an der gleichen Stelle, sie sehen aus wie im Jahr davor, man trifft die gleichen Leute, und jedes Mal sagen die Experten: »Das E-Book ist der neue Trend. Das E-Book wird den Buchmarkt völlig verändern.« Seit zehn Jahren höre ich das. In diesem Jahr traf ich einen Autor, den ich noch nicht kannte. Er heißt Roman Maria Koidl und hat ein Sachbuch geschrieben, das Scheißkerleheißt. Es scheint sich um eine Typologie des modernen Mannes zu handeln. Von modernen Männern sollten Frauen die Finger lassen, altmodische Männer bringen es eher. So, in etwa, die Botschaft.»Der Verlag war anfangs total gegen den Titel«, sagte Koidl. Er habe hart darum kämpfen müssen, dass sein Werk Scheißkerle heißen darf. Es hat sich dann aber super verkauft. Er sei, seines Wissens, in der deutschen Literaturgeschichte der Erste, bei dem das Wort »Scheiße« im Titel vorkommt, unglaublich, oder? Das ist doch eines der meistbenutzten Wörter in Deutschland. Jetzt, wo sein Buch Erfolg hatte, würden sich alle dranhängen. Es sei ein regelrechter Trend geworden. Dieses Wort. Es gilt jetzt als mutig, originell, provokativ. Er sah richtig stolz aus. Roman Maria Koidl, der Mann, der den Scheißtrend erfunden hat. Es ist also in Wirklichkeit gar nicht das E-Book, welches den Buchmarkt des Jahres 2011 verändert.

Seit Jahren besuche ich die Frankfurter Buchmesse. Es ist immer das Gleiche, wie Weihnachten. Die Stände stehen an der gleichen Stelle, sie sehen aus wie im Jahr davor, man trifft die gleichen Leute, und jedes Mal sagen die Experten: »Das E-Book ist der neue Trend. Das E-Book wird den Buchmarkt völlig verändern.« Seit zehn Jahren höre ich das. In diesem Jahr traf ich einen Autor, den ich noch nicht kannte. Er heißt Roman Maria Koidl und hat ein Sachbuch geschrieben, das Scheißkerleheißt. Es scheint sich um eine Typologie des modernen Mannes zu handeln. Von modernen Männern sollten Frauen die Finger lassen, altmodische Männer bringen es eher. So, in etwa, die Botschaft.

Scheißkerle erschien am 19. März 2010. Verlag: Hoffmann und Campe. Es dauerte natürlich ein Weilchen, bis klar war, dass es ein Hit ist. Dann ging es Schlag auf Schlag. Im Februar 2011 kam bei Nagel & Kimche das zweite Sachbuch heraus, diesmal etwas Historisches: Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße, von Florian Werner. Im April folgte Nett ist die kleine Schwester von Scheiße, Piper, von Rebecca Niazi-Shahabi, eine Art Benimm-Ratgeber. Im Juni erschien bei DuMont der erste Erziehungsberater der neuen deutschen Welle, er befasst sich mit dem Säuglingsalter und heißt Verdammte Scheiße, schlaf ein!. Im August passierte etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte. Sie haben tatsächlich ein Ethikbuch mit dem Zauberwort auf den Markt geworfen. Die Autoren von Heilige Scheiße. Wären wir ohne Religion besser dran?heißen Stefan Bronner und Anne Weiss. Ich wüsste gerne, was Gott zu ihnen sagt, wenn sie dereinst an den Pforten des Paradieses klopfen. Er wird sicher kein Blatt vor den Mund nehmen. Ebenfalls im August hat ein renommierter, auch von mir geschätzter Autor, Andreas Altmann, seine Autobiografie unters Volk gebrachtDas Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Im Mai bereits war das Wort in den Pop-Diskurs übergesprungen. Ein Stück auf der Lady-Gaga-CD hieß nämlich Scheiße . Eine international erfolgreiche Platte mit einem deutschen Songtitel, ich glaube, das hat zuletzt Kraftwerk mitAutobahn geschafft.

Ja, ich weiß, es gab auch schon mal den Song Ich find dich scheiße von Tic Tac Toe, und 2009 gab es schon mal ein Buch, welches Scheißleben hieß und die Übersetzung eines französischen Bestsellers war. Insgesamt aber hat Roman Maria Koidl zweifellos recht, er hat den deutschen Buchmarkt und damit die deutsche Kultur dauerhaft verändert. Wenn er tot ist, eines hoffentlich fernen Tages, dann mögen sie eine Straße nach ihm benennen. Die Straße darf dann aber nicht Koidlstraße heißen, sie muss anders heißen. Hauptsache, ich wohne da nicht.

Soeben erschienen: Martensteins Buch »Ansichten eines Hausschweins. Neue Geschichten über alte Probleme« (C. Bertelsmann Verlag)

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